Sklavenarbeit in Rußland (von Adam Mersch)

Im Osten graute bereits der neue Tag. Es war ein frostiger Wintermorgen. Noch hafteten die Schatten der Nacht in den Höfen und Gassen des kleinen Heidedorfes als man einen behäbigen Mann die Hauptgasse entlang eilen und im Hause Nr 33 verschwinden sah. Was nun weiter geschah, soll uns ein Bewohner dieses Hauses erzählen.

Ein heftiges Pochen am Hoffenster riß mich aus dem Schlaf. Ich war mir noch nicht gewiß, war es Traum oder Wirklichkeit? Mir wurde jedoch gleich bewusst, dass es kein Traum war als ich merkte dass mein Vater im Nebenzimmer und ich dann am Fenster ein Getuschel hörte. Darauf hörte ich sich entfernende Schritte und das Gassentor schloß sich. Es musste wohl ein Bekannter sein denn die Hofhunde rührten sich nicht. Im Nebenzimmer selbst war inzwischen die Petroleumlampe angezündet worden und ich hörte wie meine Eltern sich hastig ankleideten. Inzwischen kam auch meine Mutter in mein Zimmer und weckte mich mit den Worten: "Schnell zieh dich an, ihr müßt weg. Die Russen sind hier um euch wegzuführen. Dein Pate aber ist aus dem Gemeindehaus gekommen und hat uns gewarnt."

Rasch stand ich auf und kleidete mich an. Fest stand dass wir vorerst verschwinden mußen und so uns Gott hilft die Russen ja wieder abziehen werden. Schnell packten wir etwas Essen zusammen und flüchteten durch die Gärten in der Absicht uns in den ans Dorf grenzenden Maisfelder zu verstecken. Der Mais war ja der Front wegen nicht geerntet worden und bot jetzt Schutz für die Verfolgten. Draußen war es empfindlich kalt. Milchige Nebelschwaden hüllten alles ein und nur ein Eingeweihter konnte sich zurechtfinden.

Wir flohen über die Hausgärten, überquerten die Wiese und, nachdem wir vergewissert hatten dass uns keiner folgte, ging es hinein in das Maisfeld. Alles blieb still und der Morgen schickte sich an in den Tag über zu gehen. Wir glaubten schon die Warnung zur Flucht wäre bloß ein Ausgeburt der Angst gewesen und beschlossen zurückzugehen. Kaum waren wir zuhause angekommen, da bellten die Hunde des Nachbarn und man hörte Kommandostimmen im Hof. Also kehrten wir um jagten wie gehetztes Wild wieder zurück. Inzwischen begann sich aber der Nebel zu lichten. Nun zeigten sich an der mittleren Dorfstraßse und am Friedhof Wachtposten. Einer von den beiden hatte uns bemerkt und schon erscholl das: "Stai!" Mein Vater lief weiter in das Maisfeld und ich um den nachfolgenden Posten abzulenken ließ mich in den Graben fallen und lief in Richtung mittlere Gasse bis zu einem Hanfschober dort ließ ich mich fallen. Inzwischen hatte sich der Posten von der mittleren Gasse dem Graben genähert. Sicher hörte er die dumpfen Schritte in dem Laub im Graben. Sofort fragte er was ich tue. Ich sagte ich hätte meinem Vater Essen gebracht. Sofort forderte er mich auf aus dem Graben zu kommen. Inzwischen hatte der andere Posten meinen Vater gefangen und brachte ihn zu uns. Nun wurden wir unter Flüchen und Gewehrkolbenstößen in das Gemeindehaus gebracht. Wir konnten es nur schwer begreifen nur kurze Zeit vorher hatten sie bei uns gearbeitet und nun behandelten sie uns wie Schwerverbrecher. Im Gemeindehaus sammelte man alle denen man habhaft werden konnte. In meinem Falle war man sich noch unsicher. Mal kam die Meldung der Jahrgang 1928 wäre frei und ich könnte nach Hause gehen, dann wieder widerrief man den Befehl. Also musste ich ausharren. Auch war nicht klar was mit uns geschehen sollte. Einige Tage danach brachte man uns nach Perjamosch dort wo wir einwaggoniert werden sollten. Mein Lehrer besuchte uns am Bahnhof und erzählte uns dann dass er am Radio die Meldung gehört hätte wonach wir nach Russland verschleppt werden sollten. So war es dann auch. In Viehwaggons auf Pritschen, ohne die primitivsten sanitären Bedingungen verfrachtete man uns und verschleppte uns in den Donbass. 15 Tage nur das tatatatat. Manche waren an Durchfall erkrankt. Toiletten war bloß ein in den Waggonboden geschnittenes vereistes Loch. So ging es dem Sowjetparadies entgegen in dem wir 5 Jahre die Segnungen des Stalinregimes genießen sollten!

Adam Mersch im Mai 2009

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