Episoden aus dem Lager 1013 Tschasoiwar

(von Adam Mersch)

... der Zug stopte, die Lokomotive heulte auf und hielt. Die Riegel der Waggontüren öffneten sich und wir sahen unser neues 'zuhause' das uns 5 Jahre Heim oder Gefängnis sein sollte. Unter der Bewachung von Rotarmisten wurden wir in Kolonnen aufgestellt und man brachte uns in einen Raum, später erfuhren wir dass es die Küche der Fabrik war. Hier wurden wir zuerst entlaust, wir hatten auf dem 19-tägigen Transport genug dieser unliebsamen Reisebegleiter abbekommen. Man brachte uns in das Stadtbad wo unsere Kleider von den Parasiten befreit wurden und wir selbst von diesen Plagegeister befreit wurden. Nun wurden wir dem Geschlecht nach in Unterkünfte eingeteilt. Die Männer kamen in den Club, eine Ruine von der nur noch spärliche Überreste geblieben waren. Dach war keines mehr vorhanden, ebenso Türen und Fenster. Alles war jetzt mit Holzresten verschallt durch die der eisige Steppenwind blies. Als Heizung diente ein alter Sparherd der mit grünen Holzresten beheizt wurde. Dadurch entstand ein Rauch der die Augen beizte und es fast unmöglich machte den Nachbarn zu erkennen. Als Lagerstatt hatten wir Holzpritschen auf denen wir eingepfercht wie die Heringe, eingewickelt in Decken die wir noch von daheim hatten, die Nacht, zitternd vor Kälte verbringen mussten. Wenn wir abends auf den Pritschen saßen und über unser Schicksal berieten, dabei von unseren Speisereserven von daheim zehrten, sammelten sich unter unseren Füßen hunderte von Ratten die im Kampf ums Dasein sich rauften und quiecksten und erst wenn wir mit den Holzpantoffeln dazwischen warfen, mit Schreien under die Pritschen flüchteten. Leider waren wir sie damit nicht los. In der Nacht kamen sie wieder. Meinen Vater bissen sie ins Ohr und wo sie nur konnten da versuchten sie ihren Hunger zu stillen. Dieser Zustand hielt etwa bis im Sommer an als man uns in ein Zeltlager umsiedelte. 

Mein Vater und ich arbeiteten damals bei der Konstruktia / Aufbau OKS. Was die Beköstigung anbelangt so gab es fast täglich die gleichen Gerichte: 1. Gang - Suppe Borschtsch, das war Krautbrühe aus Sauerkraut in der einige Fäden Sauerkraut sich verirrt hatten und einige nach Fett anmutende Augen die sich scheinbar verirrt hatten und verloren sich im Teller umschauten. Ab und zu fand man auch eine saure grüne Tomate unter all den Köstlichkeiten. Diese Kraftbrühe sollten wir 5 Jahre lang genießen. 2. Gang - Das war ein Löffel Maisschrot, oder Graupen / Kascha. Das war dann die Krone der kulinarischen Besonderheiten. 

Doch lassen wir die Geheimnisse der Küche. Wir waren noch im Laufe des Jahres 1945 umgesiedelt, in ein inzwischen wieder instand gesetztes Gebäude. Der erste Transport von Kranken und Distrophischen war aufgestellt und sollte noch vor Weihnachten in die Heimat weggehen. Mein Vater der physisch gebrochen und durch die Durchfälle und kalorienarme Ernährung sehr geschwächt war, war auch mit dem Transport. Er weigerte sich und wollte ohne mich nicht mit. Ich, in der Hoffnung auf seine Rettung und auch weil meine Mutter allein zu Hause war, mein Bruder war in polnischer Gefangenschaft, wollte dass er unbedingt mitfährt. Er weinte bitter und beim Abschied sagte er noch  "Kind wir sehen uns nicht mehr wieder!" Leider sollte er recht behalten. Er kam nicht mehr zuhause und starb auf dem Weg im Hospital Focsani.

Ich arbeitete nun an den Dampfkessel, als Heizer. Die Arbeit war nicht leicht aber erträglich. Wir wechselten auch von einer Arbeitstelle zu den anderen je nach Bedarf im Rahmen der Zeche. Der Natschalnik war ein richtiger Neandertaler Tovarisch Romantschuk. Er konnte uns Deutsche nicht leiden. Ilja Ehrenburg hatte schon in einem Aufruf gesagt: Jeder Tag an dem ihr keinen Deutschen totschlagt, ist ein verlorener Tag. Dieser Romantschuk war ein richtiger Vertreter dieser Theorie. 

Wir mussten am Morgen die Schienen freischaufeln für die Loren damit die Kessel mit Kohlen versorgt werden konnten. Der Schnee war aber festgefroren auf den Schienen und so passierte es mir dass mein Schaufelstiel abbrach. In der redlichsten Absicht ging ich in die Werkstatt und wollte den Schaden beheben. Da kam der Meister Doroftei und schnauzte mich an warum ich nicht arbeite. Sein erster Weg war zum Natschalnik. Dieser empfing mich in seinem Büro sofort mit dem Vorwurf ich wolle nicht arbeiten und Sabotage. Das war wohl für ihn ein neuer Begriff. Zur Unterstützung seiner Behauptung schloß er hinter mir die Türe ab, nahm von der Wand einen harten Gummischlauch und begann auf mich einzuschlagen. Diese Fratze voller Wut und Haß werde ich nie vergessen. In seiner Wut schlug er mir den Armknochen entzwei. Ein furchtbarer Schmerz durchfuhr mich und mit Flüchen entließ er mich mit dem Befehl sofort an die Arbeit zu gehen. Ich konnte aber nicht einmal den Arm rühren und lief durch die Kontrolle bis ins Lager. Dort sah mich der NKWD Offizier und fragte warum ich nicht auf Arbeit wäre. Ich klagte ihm mein Leid und er ordnete an sofort zur Aerztin zu gehen und anschließend nach Artemowsk / Kreisstadt zu fahren mit der Aerztin. Dort in der Klinik wurde der Arm geröngt und in Gips gelegt. Selbstverständlich stellte man den Knochenbruch fest. Nach meiner Gesundung wurde ich an den Pferdehof versetzt. 

Schlimm war es im 1947. Damals herrschte Hungersnot und wir waren selbstverständlich nicht die vom Schicksal Bevorzugten. Das Leben aber verlangt sein Recht. Mein Kollege Weimert hatte herausgefunden dass eine Russin immer ihre Kuh in der Nähe der Fabriksmauer weidete. Also schlich er sich an und begann die Kuh durch den Stacheldraht zu melken. Als Geschirr dienten ihm dabei seine Gummigaloschen. Die Milch hatte wohl einen salzigen Geschmack und penetranten Geruch doch er hatte seinem Hunger Genüge getan. Es gab paradoxale Situationen die wir aber nur durch Schwarzarbeit bei der Zivilbevölkerung oder durch Stehlen lösen konnten. Auf all diese Fälle einzugehen würde den Rahmen dieser Erzählung sprengen. 

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Das Bild oben wurde von meinem Zeichenprof. Viktor Stürmer im Straflager Workuta am Eismeer gezeichnet. Es stellt die Worte des Propheten Moses dar: 'Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde!' Das Bild symbolisiert wie der Mensch sich zu seinem Mitmensche, seinem Bruder verhält.

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