Die Einweihung der Neusiedler Kirche am 31. Mai 1931

Ein Festtag der Volks- und Glaubenstreue

Die von der Landstrasse abseits liegende kleine schwäbische Gemeinde Neuseidel a. H. hatte gestern (31. Mai 1931) einen grossen Tag. Ihr Wunsch, endlich einmal eine Kirche zu haben, ging endlich in Erfüllung und gestern wurde das neue Gotteshaus von Bischof Dr. Augustin Pacha eingeweiht. Gestern konnten die Neusiedler zum erstenmal in der Kirche ihre Gebete verrichten. Bisher taten sie es in einem der Gemeinde gehörigen Hause, im alten Bethause.

Der Empfang des Bischofs

Der Kirchenfürst kam schon Samstag nachmittags an, von einer grossen Menschenmenge am Alexanderhausener Bahnhof erwartetun von Gemeinderichter Anton Bednar, dem Präsidenten des Kirchenbaurats Johann Beitz sen. und den übrigen offiziellen Persönlichkeiten von Neusiedel begrüsst. Ausserhalb des Bahnhofs wartete ein Reiterbanderium, das Blumengeschmückte Pferdegespann für den Bischof, die Christian Rintjesche Männerkapelle und eine riesig-lange Wagenkolonne. So gings durch Alexanderhausen, auch hier von der Bevölkerung und den Schulkindern mit lebhaften Hochrufen empfangen, gegen Neusiedel a. H. Zwei Fahnen vorne bei den Reitern flatterten im Winde; rechts die Nationalfahne, links die rot-gelbe schwäbische Fahne. Als der lange Zug nach einer halben Stunde in Neusiedel anlangte, begrüssten die Ankommenden wieder zahlreiche rot-gelbe Fähnlein. Neusiedel a. H. wollte seinen schwäbischen Charakter dadurch auch äusserlich bezeugen.

Am Vorabend

In den Abendstunden kamen, da das Fest der Kircheneinweihung mit dem Jubiläum des 25 Jahre alten Neusiedler Männergesangsvereins zusammenhing, die Bogaroscher und die Alexanderhausener Gesangvereine an, begrüsst vom Gesangvereinspräses Theodor Mess und dem Dirigenten Direktorlehrer Matthias Henzl. Bei Eintritt der Dunkelheit gings mit klingendem Spiele, flammenden Fackeln und bunt beleuchteten Lampions zum Hause der Fahnenmutter Frau Margarethe Kronberger geb. Beitz, wo ihr die drei Gesangvereine eine Serenade dabrachten. Nachdem die Neusiedler Sänger gesungen hatten, wurde die Fahnenmutter vom Dirigenten Henzl begrüsst. In schlichten herzlichen Worten dankte sie und dann sangen die Bogaroscher (Direktorlehrer Josef Schauss) und die Alexanderhausener Sänger (Kantor Nikolaus Rikold). Von hier gings zum Bischof, der im Lehrerhaus abgestiegen war. Nach dem Gesang begrüssten den Bischof: Gemeindenotar Geza Midowich namens der Gemeinde Neusiedel, der Freidorfer Direktorlehrer Nikolaus Bednar als geborener Neusiedler, Komitatsrat Ing. Hans Pierre und Bankdirektor Nikolaus Bosch, der in Neusiedel a. H. 16 Jahre als Lehrer wirkte. Nach den Dankesworten des Bischofs fand eine zwanglose Zusammenkunft im Gasthause Schütz statt, wo Abgeordneter Dr. Emmerich Reitter und Direktor Nikolaus Bosch Begrüssungsansprachen hielten.

Der Festtag

Das äussere Bild der Gemeinde veränderte sich Sonntag früh gewaltig. Von allen umliegenden Gemeinden kamen Autos und Pferdefuhrwerke, die immer und immer wieder neue Gäste brachten. Aus Gottlob, Lowrin, Pesak, Alexanderhausen, Bogarosch, Billed, Lenauheim, Grabatz, Gross- und Kleinjtescha, Gertianosch und noch vielen anderen Heidegemeinden kamen sie. Gegen acht Uhr wuchs die Anzahl der angekommenen Gäste auf über zweitausend, darunter einige hundert Sänger und Sängerinnen. Folgende Gesangvereine waren gestern in Neusiedel a. H.: Alexanderhausen, Männergesangverein Billed, 'Sängerbund' Billed (samt Musik), Bogarosch, Gertianosch, Musik-Gesangverein Gottlob, Gertianosch Feuerwehr-Gesangverein, Grossjetscha, Männergesangverein Grosssanktpeter, Kleinjetscha, Lenauheim, Lowriner Frauenchor, Lowriner gemischter Chor, Lowriner Männerchor, Lowriner Kirchenchor, Männergesangverein Sackelhausen, Saravale, Schag, Gesangverein Knez, Mehalaer 'Liederkranz' (Abordnung samt Fahne) und noch viele andere. Der imposante Aufzug mit schallender Muzik zur Fahnenmutter und zum Bischof, die bunten Fahnen der Geaangvereine, die nettgekleideten Schulkinder, die Mädchen und Frauen in verschiedenen schwäbischen Trachten, das war für das Auge ein unvergesslicher Blick.

Die Einweihung der Kirche

Die Zeremonie der Kirchenweihe durch den Bischof, dem Dechantpfarrer Josef Unterreiner (Billed), Pfarrer Emil Fux (Bogarosch) und bischöflicher Sekretär Matthias Willjung Assistenz leisteten, dauerte über eine halbe Stunde. Vor dem alten Bethause war eine Laubhütte mit einem Altar aufgestellt, wo der Bischof mit seiner geistlichen Assitenz eine Feldmesse hielt und die Fahnenweihe des Neusiedler Gesangvereins vornahm. Mit der zu Herzen gehenden Predigt und der Firmung einer grossen Anzahl Schulkinder nahm die Feldmesse ihr Ende. Die Kirchenlieder sang der röm.-kath. Kirchenchor unter Leitung seines Dirigenten Lehrer Nikolaus Riegler. Die Festrede hielt Volksgemeinschaftsobmann Dr. Kaspar Muth, der in seiner Rede der unsäglichen Leiden der Bevölkerung der kleinen Heidegemeinde gedachte, der vielen hindernden Umstände, weshalb sie erst jetzt in den Besitz ihrer Kirche gelangten. Er gedachte auch der vielen Spender, die zur Vollendung des Baues ihr Scherflein beitrugen.

In die neue Fahne des Gesangvereins schlug den ersten Nagel der Bischof ein, den zweiten die Fahnenmutter und Volksgemeinschaftsobmann Dr. Kaspar Muth, letzterer mit dem Spruch:

"Unserer christkatholischen Kirch zur Ehr, unserem schwäbischen Volke zur Wehr"

Die neue Fahne ist ein Werk der Temeswarer Altarbaufirma Josef Bittenbinder; auch sie trägt die schwäbischen Farben: rot-gold. Ein herrliches Bild war das Desilee der Gesangvereine vor der geweihten Fahne. Diese Szene wurde auf Veranlassung des in Philadelphia weilenden Gatten der Fahnenmutter Johann Kronberger am Film verewigt. Das Filmband wird hier entwickelt und geht schon in den nächsten Tagen nach Amerika, um dort in schwäbischen landsmännischen Kreisen vorgeführt zu werden.

Der Zug eröffnete die Rintjesche Musik, der Neusiedler Gesangverein samt der neuen Fahne, dann kam die Fahnenmutter mit der Familie Kronberger und Beitz, der Gemeinderat, der Kirchenbaurat mit Dr. Muth, die einzelnen Neusiedler Körperschaften, nach ihnen die zahlreichen Gäste-Gesangvereine usw. Spät nach Mittag waren die Feierlichkeiten beendet.

Das gemeinsame Festessen fand im Lichtfussschen Gasthause statt, an dem auch der Bischof teilnahm. Den Königstoast sprach Dr. Kaspar Muth, Pfarrer Fux begrüsste den Bischof. Namens der Gemeinde Neusiedel sprach Direktorlehrer Matthias Henzl, dann sprachen: Ing. Hans Pierre, Abgeordneter Dr. Emmerich Reitter (in schwäbischer Mundart), Direktor Bosch, Kirchenbauobmann Johann Beitz u. n. v. a. Nach dem Festessen fand das Sängerfest statt, bei dem achtzehn Gesangvereine mitwirkten und das sehr gut gelang.

Die neue Kirche

Die neue Kirche wurde nach dem Plan des Bogaroscher Baumeisters Matthias Ernst erbaut. Die Bauleitung hatte der Temeswarer Architekt Matz Hubert inne. Unternehmer war Michael Tillger aus Alexanderhausen, der die Kirche erbaute. Die einzelnen Arbeiten verrichteten: Zimmerarbeiten: Franz Schraut (Alexanderhausen), Eisen- und Glaserarbeiten: Blasius Panitsch (Bogarosch), Tischlerarbeiten: Josef Jakobi in Bogarosch (Türen) und Christian Rintje, Georg Lahm und Johann Ott in Neusiedel (Bänke usw.), Spengler: Karl Bakes (Bogarosch), Schmied: Josef Mangol (Neusiedel), Gitterwerk: Franz Mangol (Neusiedel), Kirchenuhr (eine Spende der in Amerika wohnenden Neusiedler): Uhrmacherfirma Polin in Temeswar. Die Kanzel und den Altar verfertigte die Temeswarer Firma Josef Bittenbinder. Der kunstvoll gebaute Altar ist eine Spende des Bischofs.

Interessant ist das Dokument über die Geschichte der Gemeinde, das bei der Grundsteinlegung am 13. Oktober 1929 durch Baumeister Michael Tillger eingemauert wurde. Neusiedel a. H. wurde im Jahre 1844 gegründet. Die Seelenzahl betrug damals 620, die ersten Einwohner rekrutierten sich aus den umliegenden Gemeinden. Der ungarische Staat gab damals den Neusiedlern Feld in Pacht, auf dem damals ausschliesslich Tabak angebaut wurde. Dies bis 1880, wo man mit dem Anbauen von Getreidefrüchten anfing. Die Neusiedler mussten hohe Ablösegelder zahlen und litten grosse Not, so dass viele Männer den Wanderstab ergriffen und nach Amerika fuhren.

Aus den Komitatkulturfonds bekamen die Neusiedler 400 000 Lei gespendet, welcher Betrag mit den 600 000 Lei, den sie selbst aufbrachten, es ihnen ermöglichte, den Kirchenbau im Jahre 1930 in Angriff zu nehmen und ihm glücklich zu vollenden. Das Dokument enthält die Namen: Dr. Kaspar Muth, Dr. Franz Kräuter, Dr. Emmerich Reitter, Ing. Hans Pierre, Expräfekt Dr. Livius Cigareanu, Direktor Nikolaus Bosch usw., denen die Neusiedler vielen Dank schulden.

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Laut der Donauschwäbischer Heimat Kalender 1955 ist die Kirchweihfest in Neusiedel am zweiten Sonntag nach Allerheiligen (1. November), oder am dritten Sonntag wenn Allerheiligen an einem Samstag fällt.

Oben ist das alte Bethaus. Unten sieht man wie es heute in 2005 aussieht, verfallen. Die grosse Saal war einmal als ein Kino benützt und später als eine Wohnung. Der Kreuz der oben auf dem Dach einmal aufrecht stand liegt nun horizontalisch auf dem Dach, da die Kommunisten befohlen haben, der Kreuz soll herunter geschlagen sein.

 

 

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Bischof Dr. Augustin Pacha (26.11.1870 - 04.11.1954)

 

1930 wurde das Bistum Temeschwar errichtet, zu welchem wir gehörten. Der erste Bischof des neuen Bistums wurde Se. Exzellenz Dr. Augustin Pacha, ein Sohn unserer Heimat aus der Gemeinde Moritzfeld. Allen, die ihn gekannt haben, wird er als ein gütiger Vater und guter Hirte in Erinnerung sein. Wer erinnert sich nicht, wie er bei Besuchen in den Pfarreien stets von einer jubelnden Kinderschar umgeben war, ihnen seine Kette umhängte und "'s Bischofkäppche" aufsetzte! Mit unermüdlichem Fleisse arbeitete er am Aufbau und an der Durchdringung seiner Diözese, und die Erfolge bahnten sich an, als die grosse Katastrophe mit einem Schlag alles zunichte machte.

Die Machthaber des neuen Rumänien liessen zwar anfänglich die Kirche und die Würdenträger in Ruhe, bald aber folgten die ersten Verhaftungen von Geistlichen, und auch ihm ist die Last der Inhaftierung nicht erspart geblieben. Seine Schuld: Spionage für eine fremde Macht! In einem entwürdigen Schauprozess, in dem seine eigenen mitgefangenen Priester vorgeschriebene Aussagen gegen ihren Oberhirten machen mussten, stand er aufrecht vor seinen Schergen und blieb unerschütterlich. Als man ihm sein Urteil verkündete, das auf 18 Jahre Zuchthaus lautete (er war damals bereits über 80 Jahre alt), sagte er lächelnd: "Ihr hättet mich schon lebenslänglich verurteilen müssen, denn 18 Jahre habe ich nicht mehr zu leben!" Er segnete seine Richter und betete für sie: "Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Nachdem sich sein Gesundheitszustand in der Inhaftierung so verschlechtert hatte, dass er nicht mehr in der Strafanstalt gehalten werden konnte - und auch deshalb, weil die amtlichen Stellen den Tod eines katholischen Bischofs im Zuchthaus sich nicht leisten konnten -, wurde er schwerkrank nach Temeschwar entlassen, wo er kurze Zeit darauf verstarb. Aus den Dörfern seiner Diözese kamen die Menschen nach Temeschwar, um ihrem Bischof auf dem letzten Gang sein Geleit zu geben. Ein Bild fand den Weg durch die Zensur der 'Siguranza' (Sicherheitspolizei), das die Menschenmenge auf dem Domplatz in Temeschwar zeigt, die sich an der Beerdigung des Bischofs beteiligte. Im Dom vom Temeschwar fand Bischof Dr. Augustin Pacha seine letzte Ruhestätte.

(Aus dem Buch 'Gertianosch' von Michael Mettler, 1963)

 

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P.S. Das erste Kind das in der neue Kirche getauft war hiess Heinrich TITTEL, der am 12. Mai 1931 geboren ist, Sohn von Josef TITTEL und Barbara HUBERT (siehe die drei Bilder unten).

 

 Das erste Brautpaar das in der Kirche verheiratet war, war Anton SCHIMMEL und Magdalena NEUMANN.

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Aus http://www.procesulcomunismului.com/marturii/fonduri/ioanitoiu/biserici/episcopi_romano_catolici/episcopi_romano_catolici.pdf :

Augustin Pacha a fost episcop al Timiºoarei din anul 1923. Arestat în martie 1951 ºi judecat în procesul înscenat pentru compromiterea Vaticanului, a fost condamnat în 17 septembrie 1951 la 18 ani de temniþã grea ºi la 1.200.000 lei amendã. în timpul anchetei a fost chinuit ºi înjosit. Dupã condamnare, în anul 1952 se gãsea în închisoarea de exterminare Sighet, celula 52. Bolnav, din cauza torturilor ºi fãrã tratamentul medical, ºi-a pierdut vederea, în anul 1954. Dupã un an a fost dus la Timiºoara cu domiciliu obligatoriu pentru a nu muri în închisoare. A fost înmormântat în Timiºoara în anul 1956.

 
Augustin Pacha war der Bischof von Temeswar seit 1923. Verhaftet und abgesetzt im März 1951 durch ein korupptes Gericht, um den Vatican zu kompromitieren, wurde er zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt und ein Bußgeld von 1.200.000 Lei  erhoben. Während der Verhandlung wurde er gequält und erniedrigt. In 1952 war er eingekerkert in dem (Ausrottungs-) Gefängnis Sighet, Zelle 52. Krank durch Folter und Verweigerung von medizinischer Behandlung, verlor er sein Sehvermögen 1954. Nach einem Jahr wurde er versetzt nach Temeswar und unter Hausarrest gestellt, so daß er nicht im Gefängnis sterben würde. Er wurde beerdigt in Temeswar 1956 (1954?)

(einen Dank an Christine Meiszner für die Übersetztung)