Die Deportation in die Sowjetunion (von Anton Neidenbach aus Großjetscha)

Der 23. August 1944 brachte für die deutsche Minderheit in Rumänien, somit auch für unsere Landsleute aus Großjetscha, eine schwere Zeit. Es gab eine Reihe großer wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Veränderungen in unserem Leben.

Am 23. August 1944 hat Rumänien Deutschland den Krieg erklärt. Ab diesem Zeitpunkt merkte man auch in unseren schawäbischen Dörfern, daß eine andere Zeit begann.

Es ist hier nicht der Rahmen, eigene Erlebnisse oder Gefühle wiederzugeben, wir wollen die Tatsachen, wie wir sie gesehen und erlebt haben niederschreiben.

Schon um den 10. September 1944 begannen die Verhaftungen deutscher Männer in den schwäbischen Dörfer. In der Nacht vom 14. auf 15. September 1944 flohen Angehörige der rumänischen Grenztruppen von Hatzfeld her durch unser Dorf. Dann am 15. September gegen 16.00 Uhr kamen die ersten deutschen Soldaten. Es war der Vorstoß deutscher Truppen aus Jugoslawien gegen Temeswar. Zuerst sind Angehörige der Gruppe Behrens, danach sind Abteilungen der 4.SS-Polizei Panzergrenadierdivision durch unser Dorf gekommen. Temeswar wurde nicht eingenommen, dort waren seit dem 17. September sowjetische Truppen eingezogen. Die deutschen Truppen sind bis in die Umgebung der Stadt Temeswar vorgestoßen und blieben ungefähr drei Wochen im westlichen Banat, dies ermöglichte vielen Banater Schwaben die Flucht. Aus unserem Dorf (Großjetscha) sind jedoch nur einige Familien geflüchtet. Die Front war ungefähr drei Wochen zwischen Großjetscha und Kleinbetschkerek. Anfang Oktober 1944 zogen sich die deutschen Truppen zurück und unsere Gemeinde wurde von den Russen besetzt. Die Russen blieben nur einen Tag im Dorf.

Der Herbst 1944 verging und die Menschen warteten, was wohl weiterhin geschehen wird. Zuerst hörte man noch den Kanonendonner der Schlacht um Ungarn, später als dieser verstummte, hörte man andere traurige Dinge. Man sprach davon, daß deutsche Menschen aus Jugoslawien nach Rußland geführt werden. Es glaubte keiner so recht, daß auch uns ein solches Schicksal erwartete. Keiner wußte, daß es bereits feststand, daß uns dieser Weg bevorstand. An offiziellen Stellen wurde schon im Herbst 1944 darüber gesprochen. Wir, die deutsche Minderheit, mußten auch zur Aufbauarbeit oder Wieder- gutmachungsarbeit, denn man hielt auch uns für 'schuldig' an einem Krieg, den wir nicht gewollt hatten.

Am 14. Januar 1945 wurde es dann wahr. Das Dorf war von Soldaten umstellt und sehr früh am Morgen gingen Gruppen von Haus zu Haus und führten Frauen und Männer mit in die neue Schule, wo sie gefangen halten wurden. Alle Frauen von 18 - 35 Jahre und Männer von 17 - 45 Jahre wurden mitgeführt. Rumänische und russische Soldaten in Begleitung eines Vertreters des Gemeindehauses, hatten Listen mit den Namen aller, die dieser Altersgruppe angehörten; es wurden alle mitgenommen. Ausnahme machten nur Frauen mit Kinder unter 1 Jahr, solche, die ein Kind erwarteten oder schwer Kranke. Die rumänischen Soldaten sind in der Nacht zum 14. Januar von Hatzfeld in unser Dorf gekommen und brachten die Listen mit. Es ist somit gewiß, daß diese Aktion seit längerer Zeit vorbereitet war. Die einzigen Kriterien für die Verschleppung waren: Deutsche Volkszugehörigkeit und Arbeitsfähigkeit. Manche versuchten sich zu verstecken um so an der Deportation vorbeizukommen, es gelang jedoch nur wenigen, denn es wurde hartnäckig gesucht. Am 19. Januar wurden die ersten von Großjetscha nach Hatzfeld geführst, am 22. Januar ist der erste Transport von Hatzfeld weggefahren. Es sind im ganzen 312 Personen aus unserer Gemeinde deportiert worden. Der erste Transport gign nach Dnjepropetrovsk und Dnjeproderjinsk, dort in den beiden Lagern arbeiteten unsere Leute meist in den Fabriken. Die später Aufgegriffenen sind auch nach Hatzfeld geführt worden, waren dort eine Nacht im Bauernheim eingesperrt und sind dann am anderen Tag weiter mit Schlitten und Pferdewagen nach Perjamosch geführt worden. Dort wurden sie bis 26. Januar im Kloster gehalten und dann einwaggoniert. Dieser Transport ging nach Wolodarka im Donpass, dort waren auch zwei Lager eins in Wolodarka und eines 9 km davon entfernt. Die letzten, die noch geblieben waren, sind dann bis in den Ural verschleppt worden. Die Fahrt von zuhause bis an den Bestimmungsort wurde in Viehwaggons zurückgelegt. In einem Waggon waren meist 32 Menschen, in den großen Waggons waren auch 40 - 45. In der Mitte des Waggons war ein kleiner Ofen, der mit Holz geheizt wurde. In einer Ecke des Waggons hat man ein Loch in den Fussboden geschnitten, darauf einen Eimer ohne Boden gestellt - das war nun die Toilette. Die Fahrt dauerte 3 - 4 Wochen. In den Tagen als die Menschen in unserer Gemeinde noch unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse des Abschieds standen, fuhren die Deportierten durch den kalten russischen Winter, einem ungewissen Schicksal zu. Es gab in diesen Tagen soviele Tränen, soviel Leid, daß der Gedanke daran uns heute zwingt stille zu sein. Nach der Ankunft ging es in das Lager, es war mit zwei Reihen Stacheldraht umzäunt, an jeder Ecke der bekannte Wachturm. Die Einteilung zur Arbeit wurde rasch vorgenommen. Wie oben angeführt wurde, arbeiteten die meisten, die in Dnjepropetrovsk und Dnjeproderjinsk waren, in Fabriken. Die im Donpass arbeiteten meist in den Kohlengruben. In der ersten Zeit gab es noch Lebensmittel von zu Hause, jeder von uns hegte die Hoffnung, daß ein Ende des Krieges auch für uns die Befreiung bringen würde. Leider war es doch nicht so, alle die arbeitsfähig blieben, mußten 5 Jahre bleiben. Das Lagerleben war hart. Man wurde zur Arbeit und zurückgeführt, man bekam seine Ration Essen. Nach 1948 gab es mehr Freiheit und auch mit dem Lebensmittel wurde es besser. In den 5 Jahren sind in den Lagern und auf dem Heimweg 49 Menschen aus Großjetscha gestorben, das ergibt eine Sterberate von 15,7% aller Deportierten. Es ist dies eine unglaublich große Zahl. Im Jahre 1945 starben 4 Männer, 1946 waren es 9 Tote, 1947 ein Jahr, das die Zahl der größten Opfer forderte; es starben 30 Landsleute. 1948 gab es 4 und 1949 2 Opfer.

Da die Sterberate in der Altersgruppe 17 - 45 Jahre in einem normalen Leben überhaupt nicht mit der oben genannten von 15,7% verglichen werden kann, ist es für jeden klar, welches die Lebensbedingungen waren. Die Todesursache war in den meisten Fällen die Unterernährung, die Folgen von Läusebefall und andere Krankheiten. Schwerstarbeit, Unterernährung, Kälte, das alles führte zu den vielen Opfer, aber auch dazu, daß immer mehr arbeitsunfähig wurden. Schon im Herbst 1945 und Frühjahr 1947 sind dann immer mehr arbeitsunfähig geworden, aber diesmal wurden sie nicht in den Heimat, sondern in die damalige Sowjetzone in Deutschland geführt. Die meisten haben dort eine Zeit lang gearbeitet und haben sich dann auf eigene Faust auf den Heimweg gemacht. Dieser Heimweg war oft mit Schwierigkeiten verbunden. Warum unsere Heimkehrer damals nach Deutschland geschickt wurden, wäre vielleicht damit zu erklären, weil das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 vorsah, daß alle Deutschen aus dem Ostblock ausgewiesen werden sollten, Rumänien ist jedoch in dieser Verfügung nicht erwähnt. Auch 1948 wurden Kranke und Arbeitsunfähige nach Hause geschickt, diese jedoch direkt nach Rumänien. Ende November 1949 sind dann die letzten heimgekehrt. Es war ein trüber Winterabend, in vielen Familien herrschte Freude. An diesem Abend gab es aber auch so manches Haus in unserem Dorf, da brannte kein Licht, da war es still, es war dort, wo man nicht mehr zu warten brauchte, da man wußte, daß die Lieben weit weg, irgendwo in einem einsamen Grabe in der Fremde ruhten. Und wieder Tränen.

Wieviel Leid und Elend in der Zeit zwischen 1945 und 1949 erduldet wurde, kann hier nicht niedergeschrieben werden.

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Foto aus dem Lovriner Heimatbuch: Herbst 1944, Familien aus dem Nachbarort Lovrin fliehen von den Russen.

 

Unten: Kampfgebiet um Neusiedel und Nachbar Ortschaften Bogarosch, Alexanderhausen u.s.w. im September, Oktober 1944.

 

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