Die Deportation nach Russland - Januar 1945 (von Peter und Margaretha Marx)

Schon im November 1944 legten die rumänischen Beamten in jedem Gemeindehaus ihres Ortes, Namenslisten aller arbeitsfähigen Deutschen an, niemand wußte damals warum? Die Bevölkerung in Neusiedel a. d. Heide kümmerte sich auch nicht darum. Denn die fleißigen Bewohner waren noch mit den Herbst-Arbeiten auf dem Felde schwer beschäftigt gewesen. Als Ende Dezember und Anfang Januar 1945 die Güterzüge mit Volksdeutschen aus Jugoslawien durch Hatzfeld nach Temeschburg und weiter durch Rumänien gegen Osten rollten, verbreitete sich ein Gerücht das auch Rumänien 'Arbeitskräfte für den Wiederaufbau der Sowjetunion' ausliefern muß. Aber das es nur die deutsche Bevölkerung betrifft, ahnte man nicht.

Ich diente in der rumänischen Armee, im Herbst 1944 wurde ein Teil Soldaten meiner Einheit hinter Bukarest zu einem Arbeitsregiment versetzt. Es mußte eine Eisenbahnstrecke neu erweitert werden. Am 18. Dezember 1944 bekam ich Urlaub mit noch 9 Soldaten aus dem Banat, für Winterkleidung von zu Hause zu besorgen. Da die Eisenbahnstrecke Bukarest – Temeschburg von dem russischen Militär für Nachschub zur Front benutzt wurde, so durfte die Zivilbevölkerung mit den Personenzügen für den Nahverkehr fahren, welche kaum von einer Stadt zur anderen Verbindung hatte. Manchmal konnte man mit einem Güterzug einige Bahnstationen mit fahren, dann mit einem Lastauto weiter fahren oder auch zu Fuß bis zur nächsten Bahnstation gehen. Allerdings am 29. Dezember 1944 kam ich erst in meinem Heimatdorf Neusiedel bei meiner Familie an. Mit meinen anderen 9 Kameraden war ich verabredet das wir uns am 14. Januar im Temeschburg wieder am Hauptbahnhof treffen für zur Rückfahrt in die Einheit nach Bukarest zu fahren. So fuhr ich am 14. Januar 1945 nach Temeschburg und wartete am Hauptbahnhof. Leider kamen nur noch 2 Soldaten zur Stelle welche mir sagten man hörte in der Stadt was 'Schreckliches' erzählen: die Deutschen werden nach Rußland verschleppt. Da nicht alle 9 Kameraden wie versprochen war, sich am Hauptbahnhof einfanden, fuhr auch ich wieder nach Hause.

In Kleinbetschkerek am Bahnhof stieg von Uihel der Schimmel Anton senior in den Zug ein welcher noch sein Bruder besucht hatte. Der alte Mann erzählte mir das in Uihel schon rumänische Soldaten am Dorfrande die Straßen bewachen. In Alexanderhausen stieg ich am Bahnhof aus und ging quer über das Feld auf die Neusiedler Kleegärten zu und in der Mitte wo die Hausgärten zusammenstoßen ist ein Weg welcher bis zu meinen Schwiegereltern Nikolaus Holz welcher in der Hauptgasse wohnte, führte.

Dort erfuhr ich auch schon das sich die jungen Menschen in einem Versteck im Stall, in der Scheune im Stroh oder im Maislaub-haufen sich befinden. Andere Menschen liefen auf das Feld hinaus und versteckten sich unter den Maislaub Haufen. Da unsere Ortschaft 3 Wochen lang Kampfgebiet der Ostfront war, blieb keine Zeit für das ganze Maislaub vom Felde zu räumen. So verbrachten die betroffene junge Menschen einen Tag und eine Nacht, nordwestlich von Uihel in der Tiroler Flur und der Bogaroscher Weingarten Flur ein Verbleiben. Danach wechselte man sein Versteck näher zur Ortschaft südwestlich auch auf dem Bogaroscher Hotter gegen Lenauheim wo auch Maislaub-Haufen standen. Dort waren schon 21 Personen  von Uihel zusammen gekommen wie folgt: Nothum Katharina geb. Gimpel, Marx Peter, Marx Margaretha, Lambing Eva verh. Wilhelm, Engelmann Elisabetha geb. Lahm, Zwergall Nikolaus, Haupt Katharina geb. Klingler, Wolz Josef, Kronberger Anna verh. Hartmajer, Zimmer Josef, Zimmer Margaretha verh. Mathes, Schipper Johann sen., Faller Barbara geb. Biro, Jung Katharina geb. Biro, Ebner Magdalena geb. Wambach, Beitz Elisabeth verh. Haupt, Schlupp Barbara geb. Lahm, Blattner Helene verh. Reif, Beitz Barbara geb. Faller danach verh. Schipper, Schannen Magdalena geb. Nothum, Schannen Nikolaus. Es hatten sich die Nachbarsleuten oder die Verwandten zusammengestellt und ein Versteck gesucht. Die Erde war gefroren und es lag auch etwas Schnee. So trug man mehrere Maislaub Haufen zusammen damit man wärmer hat und alle Menschen sich darunter verstecken konnten. In dieser Flur waren auch viele Menschen aus Bogarosch in anderen Maislaub Haufen versteckt. Nicht alle Leute hatten sich Lebensmittel für mehrere Tag mit sich genommen. So kamen ihre Angehörige von daheim und brachten ihnen Nahrung auf das Feld hinaus. Eine alte Frau von Bogarosch wurde von einem rumänischen Soldaten aufgehalten als sie schon auf dem Heimweg war und befragt von wo sie her kommt? Aus Angst sagte sie die Wahrheit heraus, sie trug Essen zu ihren Angehörigen welche sich auf dem Felde im Maislaub aufhalten. Da auf dem Felde Schnee lag ging der rumänische Soldat den Schneespuren nach von wo die alte Frau her kam und hatte die dort versteckten Menschen eingefangen. Ich und Nikolaus Schannen gingen bis zur Uiheler Hutweide um zu beobachten was im Dorfe vorgeht. Obwohl es nebelig war entdeckte uns auch ein rumänischer Soldat welcher am Dorfrande Posten stand. Dieser schoß in die Luft, nahm uns gefangen und wir mußten mit ihm zu dem Maislaub Haufen gehen wo unsere Uiheler sich versteckt aufhielten. Da wir uns auf dem Bogaroscher Hotter befanden und auch die Menschen von Bogarosch zu gleicher Zeit eingefangen wurden, führte man uns alle in das Gemeindehaus nach Bogarosch. Auf dem Fahrweg nach Bogarosch begegnete uns der alte Reiter Jakob welcher von Bogarosch vermutlich in der Apotheke war und schon nach Uihel ging. Da sein Enkelkind Ebner Magdalena geb. Wambach auch bei den Eingefangenen war, hatte dieser alte Mann alle Angehörige der betroffenen Neusiedler verständigt.

Den nächsten Tag wurden wir Neusiedler und Bogaroscher eingefangene Menschen von den rumänischen Soldaten mit aufgepflanzten Gewehren von dem Gemeindehaus Bogarosch durch Uihel nach Alexanderhausen geführt. Als wir am Dorfeingang zu Neusiedel ankamen warteten schon unsere Familienangehörigen auf der Straße auf uns. Alle Menschen weinten, die kleinen Kinder schrien nach ihrer Mutter, ein Abschied nehmen war unmöglich gewesen. Die Soldaten schossen in die Luft und ließen keine Familienangehörige näher zu uns kommen. In der Hauptgasse zur Neusiedel wartete auch viele Menschen. So versuchte Ebner Hans mit seinem 3-Jahre alten Enkelkind auf dem Arm (Ebner Leni) sich ihrer Mutter zu nähern um Abschied zu nehmen und wurde von einem rumänischen Soldaten mit dem Gewehrkolben weg gestoßen. Viele kleine Kinder verblieben ohne Eltern zurück und wurden von ihren altern Großeltern oder von anderen Verwandten betreut. Alle Menschen weinten, waren traurig, verzweifelt, hoffnungslos, wann sehen wir noch einmal unsere Lieben in der alten Heimat? Die eingefangenen Menschen mußten weiter zu Fuß nach Alexanderhausen marschieren. Im Wirtshaus bei Hektor Hans in der Hauptgasse war die Sammelstelle gewesen. Da konnten unsere Angehörigen noch warme Kleidung und Lebensmittel zu uns bringen. Nach 2 Tagen mußten wir in 4 Reihen antreten und wieder zu Fuß von den rumänischen Soldaten mit den Gewehren begleitet über 18 km weit in die Kreisortschaft Perjamosch marschieren. Das Gepäck brachten die Fuhr-Männer mit ihren Wagen nach uns in die Schulgebäuden zu Perjamosch welche als Sammelstelle für den ganzen Kreis benutzt wurde. Am 21. Jänner wurden wir am Perjamoscher Bahnhof in die Güterwaggons eingeladen. In einem vergitterten Viehwaggon waren 30 Menschen zugeteilt. In der Mitte des Waggons stand ein eisernen Ofen mit eÄin paar scheitel Holz. Neben der Schiebetüre war ein Loch im Fußboden gesägt welches man für W.C. benutzt hatte. An beiden Enden des Waggons waren Pritschen angebracht ohne Strohsack für schlafen. Da Männer und Frauen beisammen im Waggon waren, hatte man von einem Eimer den Boden ausgeschlagen und in das Fußbodenloch gestopft und eine Decke als Wand gemacht. Wenn der Güterzug längere Zeit an einem Bahnhof anhielt, durften 2 Personen aus dem Waggon heraus gehen und Trinkwasser im Eimer herbei bringen. Die Waggons waren von russischen Soldaten bewacht. Da es Winter war hatte man auch Schnee in den Eimer getan und am Ofen erwärmt. Die Menschen hatten in ihrem Brotsack viel Brotwurst, Leberwurst, Schinken und Seitenspeck mit sich geführt. Diese salzige Nahrung verlangte viel Wasser. An jedem Brunnen war anderes Wasser gewesen. So erkrankten viele Menschen auf der Reise.

Am 28./29. Januar kamen wir in Ramnicul Sarat an. An diesem Bahnhof wurden wir in russische Güterwaggons umgeladen. Diese Waggons waren viel größer und wurden 40 Personen in ein Waggon zugeteilt. Die Eisenbahnlinie war auch breitspurig sowie in Rußland schon umgebaut. So fuhren wir Tag und Nacht weiter nach Rußland ins ungewisse hinein.

Am 8. Februar 1945 kamen wir am Bahnhof Stalino an. Meine Frau Margaretha Marx war auch krank geworden. Sie hatte hohes Fieber und mußte am Bahnhof wo auch ein Lazareth eingerichtet war sich internieren lassen. Sie verblieb 6 Wochen im Krankenhaus und wurde danach ins Lager zu Stalino eingewiesen. Man versprach ihr, sie wird später zu ihrem Mann nachgeschickt was leider nicht geschah. Sie wurde immer schwächer, unternährt und konnte am 28. November 1945 mit einem Krankentransport nach Rumänien reisen. Sie kam am 11. Dezember 1945 in Neusiedel an. Ihr 4-Jahre altes Kind erkannte ihre Mutter nicht mehr. Die anderen Neusiedler Menschen wurden noch weiter 150 km von Stalino in das Lager Slaviansk gebracht. Am 8. Februar 1945 spät am Abend 23 Uhr wurden wir aus dem Waggon an einer Baustelle Tischler Werkstatt ausgeladen. Den nächsten Tag wurden schon 5 Männer, darunter war auch ich, zur Arbeit eingeteilt. Man bekam ein Beil oder eine Axt in die Hand und durften von den Bäumen die Äste abhacken. Im Sägewerk konnten 6 Mann arbeiten. So wurde ich als Mechaniker bei einer Drehbank zugeteilt. Ein russischer alter Mann verschaffte mir ein Talon für Essen und für täglich 1/2 Ltr Milch. Am 11. November 1945 wurde ich zu einem Hochofen zugeteilt für Material einzufüllen. So arbeitete ich 18 Monate in Gramadovsk mit den Kriegsgefangenen zusammen. Am 20. Februar kam ich in das Sammellager Horlovka. Dort traf ich Dr. Römer aus Gottlob welcher in Johannisfeld verheiratet war und Dr. Schütz aus Johannisfeld. Am 29. Februar wurde verlautbart der Transport ist voll und wir durften nicht mehr nach Hause. So wurden viele Menschen zur Kohlengrube Horlovka zugeteilt. Der Landsmann Peter Wien aus Triebswetter von Beruf Tischler und Nikolaus Roos sagten mir, sie brauchen noch Holzarbeitern. So meldete ich mich zu dieser Holzarbeit weil ich doch daheim bei meinem Vater in der Wagner-Werkstatt vieles gelernt hatte. Erst am 26. August 1948 kam ich von der Rußlandverschleppung nach Hause.

Von dem kleinen Dorf Neusiedel a. d. Heide waren 74 Personen nach Russland verschleppt. Betroffen davon waren die arbeitsfähige Frauen und Mädchen der Jahrgänge 1914 – 1927 und die arbeitsfähige Männer der Jahrgänge 1899 – 1928. Nur 3 Frauen wie folgt: Eva Bednar, Elisabetha Engelmann geb. Roth und Barbara Kronberger geb. Fuchs, waren daraus enthoben weil sie ein kleines Kind unter 1 Jahr hatten.

Folgende 9 Personen sind in Rußland gestorben: Engelmann Franz sen., Huber Johann sen., Lichtfuß Anna (Baumann), Mersch Adam sen., Meß Theodor, Springardt Michael, Schannen Nikolaus, Schipper Andreas sen., Schütz Johann

Eheleute Peter und Anna-Margaretha MARX, geb. HOLZ

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Bei http://www.procesulcomunismului.com/marturii/fonduri/ioanitoiu/dictionar_m/m/dictionarm_26.pdf sieht man die Einträge für Adam MERSCH und Theodor MESS, beide aus Uihei:

MERSCH, Adam. Din satul Uihei, comuna Biled. Timis. Deportat.

MESS, Teodor. Din satul Uihei, comuna Biled . Timis. Deportat.

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